Böse ins Auge gegangen – nur ein paar Millimeter fehlten …

//Böse ins Auge gegangen – nur ein paar Millimeter fehlten …

Böse ins Auge gegangen – nur ein paar Millimeter fehlten …

Ein paar Millimeter. Nur ein paar Millimeter weiter rechts. Und Stefan Donath wäre jetzt auf einem Auge blind. Bei einem Arbeitsunfall am Watzmann ist der erfahrene Nationalpark-Ranger in eine Mulde gestürzt und hat sich dabei einen Ast in das rechte Auge gerammt. Da Donath gehörlos ist, konnte er nur per SMS Hilfe rufen. In einer dramatischen Rettungsaktion wurde der Ranger gerettet. Der »Berchtesgadener Anzeiger« sprach mit Stefan Donath über den schlimmsten Tag in seinem Leben.

18. März: Stefan Donath ist am Watzmann unterwegs. Seit über 20 Jahren betreut er im Auftrag der Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft in Freising die Waldklimastation im Nationalpark. 18 davon gibt es in Bayern. Es ist ungewöhnlich warm an diesem Dienstagmorgen. Wie so oft in diesem Winter. Wie so oft in den vergangenen Jahren. »Das ist der Klimawandel«, weiß Donath, der trotz seiner Gehörlosigkeit ausgezeichnet sprechen kann. »Mal kalt, mal warm. Das ist nicht gut«, findet der Ranger. Sein Blick verfinstert sich: »Der Schnee wird aggressiver.« Plus elf Grad zeigt die Station an. Und das am Vormittag.

Höllische Schmerzen, überall Blut

10.30 Uhr: Stefan Donath packt den USB-Stick mit den abgelesenen Daten in seinen Rucksack und fährt mit seinen Skiern ab. Alltag. Nichts Besonderes. Geschlossene Schneedecke. Doch dann: Plötzlich bricht Donath ein. Ein Hohlraum unter dem Schnee. Seine Skier verheddern sich, der Ranger kippt nach vorne. Und stürzt mit voller Wucht auf einen abgebrochenen Lärchenast, der im Tiefschnee steckt. Ein Zweig bohrt sich an seiner Sonnenbrille vorbei ins rechte Auge. Höllische Schmerzen, Blut rinnt in Sturzbächen über Donaths Gesicht. Verzweiflung.

»Alles war schwarz«, erinnert sich der Ranger. Blutüberströmt und bewegungsunfähig erkennt Donath seine katastrophale, beinahe ausweglose Situation. Er steckt bis zum Bauchnabel in einer Schneemulde. Die Bindungen haben sich nicht gelöst. Die Schlaufen der Skistöcke sind fest um die Armgelenke gewickelt. Unter höchster Anstrengung gelingt es dem Gehörlosen aber, sein Handy aus der Jackentasche zu fummeln. Stefan Donath weiß: Eine SMS ist der einzige Weg, Hilfe zu holen. Unter höchster Konzentration tippt der Ranger einen kurzen Hilferuf in sein Smartphone. Und schickt ihn an Jochen Grab, Lorenz Köppl und Sepp Egger, seine Kollegen von der Nationalparkverwaltung.

Und die verlieren keine Zeit. »Die haben sofort reagiert. Dafür bin ich ihnen auf Ewigkeit dankbar«, schluchzt Stefan Donath.

10.53 Uhr: Der Ranger bekommt eine SMS von Jochen Grab: Leitstelle ist informiert. Rettung ist eingeleitet. Allerdings gestaltet sich die Kommunikation per SMS mehr als schwierig. Denn Donath hat oft kein Netz. »Dann habe ich mich ein bisschen Richtung Österreich gedreht. Und mein Handy hat sich im Nachbarnetz eingeloggt. Dann war es wieder weg. Also habe ich mich Richtung Deutschland gebeugt und hatte wieder nur kurz Empfang«, erinnert sich der Ranger. Und muss lachen. »Kruzifix«, habe ich geschrien, »das kann doch nicht wahr sein«.

»Bitte winken«

11.16 Uhr: Eine SMS von der Leitstelle. Ingrid Becker, übrigens die einzige Frau in der Integrierten Leitstelle Traunstein, informiert Stefan Donath darüber, dass der Rettungshubschrauber Christoph 14 über dem Gebiet zwischen der Falzalm und der Mitterkaseralm kreist. »Bitte winken.«

Stefan Donath muss wieder lachen. »Ich habe versucht zu winken«, erinnert er sich. »Aber ich konnte mich ja nicht bewegen.« Tatsächlich kann die erfahrene Crew von Christoph 14 den Verletzten nicht finden. Stefan Donath hat inzwischen enorm viel Blut verloren. Die Schmerzen sind unerträglich. Die Hoffnung schwindet.

Aber nicht bei den Hilfskräften. Die wenden eine Taktik an, die sich in solchen Fällen schon oft bewährt hat. Einer kommt von oben, der andere von unten. Der Notarzt wird an der Mitterkaseralm abgesetzt, die Bergwachtmänner an der Falzalm.

Inzwischen ist auch Bundespolizei-Bergführer Thomas Pechmann, der gerade im Trainingseinsatz ist, auf den Notfall aufmerksam geworden. Und macht sich ebenfalls auf den Weg. Immer den Hilferufen nach. Er findet den Verletzten als Erster. »Sein entsetztes Gesicht werde ich nie vergessen«, erinnert sich Donath. »Aber ich habe mich nicht getraut, ihn zu fragen, wie schlimm meine Verletzung aussieht.«

Per Funk gibt Thomas Pechmann den genauen Standort an den Notarzt durch. Der ist kurz darauf da. »Ich habe ihn schon von Weitem an der auffällig roten Kleidung erkannt«, erzählt der Ranger. Der Arzt verabreicht dem Schwerverletzten sofort eine Infusion mit Schmerzmitteln. Inzwischen sind auch Raphael Hang und sein Kollege Michael Partholl von der Bergwacht Ramsau am Unfallort. Eine Stunde und 15 Minuten sind inzwischen vergangen.

»Meine Retter haben mich in den Rettungssack gelegt, ihn aufgepumpt und mich zu einer Lichtung getragen«, erinnert sich Stefan Donath. Dort vollbringt der Hubschrauberpilot eine Meisterleistung. Denn erstens ist die Lichtung winzig. Und zweitens hat es heftigen Föhn. Trotzdem gelingt es, den Rettungssack mit einem 25 Meter langen Bergetau in die Hubschrauber zu hieven.

Entsetzte Gesichter

Auf dem Landeplatz an der Königsseer Straße nimmt Polizeibergführer Michael Hallinger kurz ein Protokoll auf. Dann geht es per Krankenwagen in die Salzburger Augenklinik. Dort blickt Stefan Donath wieder in entsetzte Gesichter. »Aber keiner hat mir gesagt, wie es ausschaut«, erzählt Donath. Nach der Computertomografie wird er drei Stunden lang operiert.

19.30 Uhr: Der behandelnde Arzt kommt in den Aufwachraum. Und teilt Stefan Donath mit, dass das Auge gerettet ist. »Ich habe geweint vor lauter Freude. Ich war sehr erleichtert«, sagt der Ranger. Doch bei der Operation ist die Augenhöhlenwand gebrochen. Und Stefan Donath sieht doppelt. »Als ich mir ein Glas Wasser einschenken wollte, ging einiges daneben«, lacht der Ranger.

Deshalb wird Stefan Donath tags darauf nochmals drei Stunden lang operiert. In der Kieferchirurgie wird ihm über den Mund ein Silikonballon in die Kieferhöhle eingesetzt, der über einen Schlauch durch die Nase gefüllt wird. Dadurch wird die Augenhöhlenwand angehoben und das Auge wieder an die richtige Stelle gerückt.

»Die Heilung geht gut voran«

Am Dienstag wurde Stefan Donath aus dem Krankenhaus entlassen. Es geht ihm so weit gut. Er schaut auch gut aus. »Die Heilung geht gut voran«, freut sich der Ranger. »Ich habe schon noch Schmerzen und die rechte Gesichtshälfte ist taub, weil Nerven durchtrennt wurden. Aber ansonsten passt es.«

Am Montag muss Stefan Donath wieder ins Krankenhaus. Zur Sehprobe. Dann wird sich entscheiden, ob er wieder Autofahren darf. Der Silikonballon wird dann am 11. April entfernt.

Für alle Skitourengeher, Bergsteiger und Wanderer hat der Nationalpark-Ranger noch einen wichtigen Tipp parat: »Das Handy immer am Körper tragen, niemals im Rucksack verstauen.« Denn man kann nicht wissen, in welche verzwickte Situation man kommen kann.

Danke an den Berchtesgadener Anzeiger (Redakteur: Christian Fischer) für den Artikel …

2014-04-02T10:23:24+00:00

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